(opa) 162 Tage können eine lange Zeit sein. Ziemlich genau ein halbes Jahr ist es her, dass Hertha vor dem gestrigen Spiel zuletzt dem Publikum einen Heimsieg bescheren konnte. Am 18.10.2024 empfing man Eintracht Braunschweig und gewann 3:1 durch Tore von Cuisance, Maza und Niederlechner. Viele Fans hatten Woche für Woche so sehr darauf gehofft, endlich wieder einen Heimsieg feiern zu können, gestern sollte es soweit sein. Nach dem Treffer von Reese, der gegen seinen Ex-Verein KSC traf, sammelten die gegnerischen Defensivspieler in 10 Minuten 4 gelbe Karten und waren so zu etwas vorsichtigerer Zweikampfführung gezwungen. Und auch in Halbzeit zwei legte Hertha los wie die Feuerwehr, Reese tanzte den Keeper außerhalb des Strafraums aus und lupfte den Ball mit einer gefühlten Leichtigkeit ins Netz, dass alle Dämme der Begeisterung brachen.
Doch es wurde noch einmal spannend, weil Leistner im eigenen Strafraum nicht nur etwas ungeschickt, sondern mit schlechtem Timing in den Zweikampf ging und seinen Gegenspieler von den Beinen holte. Nach dem Elfmetertreffer lag das Moment mehr auf Seiten des KSC, der fortan drückte und plötzlich Chancen erspielte. Doch kurz vor Ende erlöste der eingewechselte Schuler mit seinem ersten Treffer seit November die fingernagelkauenden Fans, deren Jubel aber wegen der VAR Überprüfung jedoch eher gebremst war. Wenn Hertha so die ganze Saison gespielt hätte wie in den letzten beiden Partien, wäre man sicher mit im Aufstiegsrennen gewesen. So ist man relativ sicher aber nur nicht abgestiegen.
Im Freudentaumel darf die Saisonbilanz jedoch nicht vergessen werden. Die Saison ist alles andere als gut verlaufen. Trotz hohem Personalbudget und trotz unbestreitbar vorhandener individueller Qualität ist es bis zum Trainerwechsel zu Leitl nicht gelungen, die Power auf den Rasen zu bringen. Das lag auch am langen Ausfall von Reese, der im Testspiel gegen Cottbus brutal kaputtgetreten wurde. Es lag aber nicht ausschließlich daran. Sondern auch an einer unwuchtigen Kaderplanung, einer eher dürftig aufgestellten Defensivabteilung und an Divenhaftigkeiten einiger Spieler. Hier muss der Blick Richtung des Managements gehen, denen man ja kurz vor der vorletzten MV wegen des angeblich so großen Erfolgs noch die Verträge verlängert hatte.
Natürlich kann man es als Erfolg bewerten, dass nun die zarte Hoffnung besteht, dass man den sportlichen Turnaround geschafft haben könnte, aber angesichts der sonstigen Nöte besteht kaum Anlass zur Freude, denn wichtige Stützen des derzeit erfolgreichen Spiels werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Verein verlassen. Oder verlassen müssen, weil sich Hertha diesen Mitteleinsatz nicht wird leisten können bzw. weil man die Transfereinnahmen zwingend zur Schuldentilgung und die Rückführung des negativen Eigenkapitals benötigt. Maza, Reese, Klement und Scherhant werden relativ sicher weg sein, Kennys Vertrag läuft sicher aus, Cuisance und Prevljak sollen Angebote vorliegen haben, mehr als die Hälfte der gestrigen Startelf wird wohl nächste Saison nicht mehr für die alte Dame auflaufen. Und ob Trainer Leitl Lust hat weiterzumachen, wenn er eine Rumpftruppe vor die Nase gesetzt bekommt, dürfte auch noch in den Sternen stehen.
Wobei man dazusagen sollte, dass das erstens schon wieder selbstverschuldet ist, weil man viel zu hohes finanzielles Risiko in der Hoffnung auf den Wiederaufstieg eingegangen ist und dass das zweitens kein herthaexklusives Phänomen ist, dass man nur so viel Geld ausgeben sollte wie man einnimmt. Der Berliner, der ja traditionell gern mal über seine Verhältnisse lebt, wird beweisen müssen, wie sehr er dem Verein auch dann die Treue hält, wenn es statt Champagner nur noch Mittelmaß gibt. Wobei es das ja heute schon zu beobachten ist, dass das sportliche Abschneiden zumindest auf den Rängen keine allzu großen Löcher reißt.
162 Tage als Wartezeit auf den nächsten Heimsieg müssen es aber nicht wieder sein, da kann gern in 14 Tagen gegen Darmstadt gleich nachgelegt werden. Wir Fans hätten es verdient. Im Friesenhaus hingegen sollte die Gelegenheit zum Kehraus genutzt werden. Nicht nur, dass Herthas Strukturen für einen durchschnittlichen Zweitligisten zu groß und zu teuer sind, sie bringen auch ganz offensichtlich nicht den erforderlichen Output. Hier sollte man allerdings seine Erwartungshaltung im realistischen Bereich halten. Wenn da nicht einer freiwillig geht, wird man sich eher zur Wagenburg verschwören als sich dem Leistungsprinzip zu stellen. Daher sollte man sich nicht wundern, wenn wir schon bald wieder die Tage seit dem letzten Heimsieg zählen müssen.
HaHoHe, Euer Opa