Veröffentlicht am Kategorien 2. Bundesliga, 2025, Allgemein, Länderspiel, Spieltagsnachlese

Über sieben Brücken musst Du geh’n…

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(opa) Berlin ist laut Statista die viertbrückenreichste Stadt Europas, nur Amsterdam, Hamburg und Wien haben mehr Brücken als die Spreemetropole. Dass da die eine oder andere Brücke saniert werden muss, liegt in der Natur der Sache, dass man das politisch immer so weit vor sich herschiebt, bis es nicht mehr anders geht, ist hingegen beinahe kriminell, weil es nicht nur Menschenleben gefährdet, sondern eben für eine der meistbefahrenen Strecken Europas auch Verkehrskonzepte aus dem Nichts erforderlich macht. Den Menschen in der City West kann man jedenfalls jetzt schon gute Nerven wünschen, ich kann als Anrainer der ebenfalls aus dem Nichts gesperrten Elsenbrücke seit Jahren ahnen, was das für das Drumherum bedeutet. Für viele Jahre übrigens.

Was das mit Hertha zu tun hat? Nun, das erschwert nicht nur den autofahrenden Zuschauern aus dem Süden den Weg zu Hertha, eventuell muss sogar die Ringbahn gesperrt werden, was dann das Westkreuz nur noch über den Nordring und aus Grunewald erreichbar machen würde. Diese einstürzenden Brücken stehen auch symbolisch für den weitgehend konsequenzlosen Umgang von Verantwortlichen mit den ihn anvertrauten Aufgaben. Das Ergebnis ist immer das selbe – die Katastrophe. Die Katastrophe stammt aus dem altgriechischen καταστροφή und bezeichnet den Wendepunkt in einem Drama. Im besten Fall führt es zur Katharsis, also zur Läuterung. Oder es führt zu noch Schlechterem und nicht selten zu Tod oder Untergang.

Katastrophen sind immer mit Sensationsgier und Schaulust verbunden. Eine bloße Existenz im grauen Mittelfeld ist uninteressant. Entweder man spielt ganz oben mit oder man fällt, eins davon wollen die Zuschauer sehen, was auch das Konzept von RTL erklärt, die erst “Superstars” schaffen, um sie dann in Formaten wie dem Dschungelcamp zu verklappen. Hertha ist da näher dran am Dschungelcamp als uns lieb sein dürfte. Dass sich die Geschäftsführer von Hertha nicht in den australischen Dschungel begeben, liegt vermutlich daran, dass deren Geschäftsführervergütung noch immer fließt und die alte Dame selbst nicht hineinpasst, auch wenn sie vermutlich wenig Scheu vor ekligen Prüfungen zeigen dürfte.

Apropos eklig: Gestern fand in der Länderspielpause ein Testspiel gegen St. Pauli statt, deren Fans Herthaner besonders herzlich mit Flaschenhagel im Kiez begrüßen. Warum ausgerechnet die und warum ausgerechnet jetzt sind Fragen, deren Antwort vermutlich banaler ist als gedacht. Man hat gerade Zeit, man ist nicht weit voneinander entfernt, irgendein Manager hatte eine Schnapsidee oder hat eine Wette verloren. So sollen ja auch schon andere Posten vergeben worden sein. Nicht nur bei Hertha, sondern auch in der Politik oder in der freien Wirtschaft. “Manus manum lavat” – eine Hand wäscht die andere – wusste schon der Römer. Der baute hingegen Brücken, die bis heute stehen, so wie Deutschlands älteste noch existierende Brücke aus dem 2. Jahrhundert in Trier.

Gut, die Mosel ist nicht die Spree und der Römer kannte noch kein Fußball, sehr wohl aber Zerstreuung durch Zuschauen, wie andere sich körperlich ertüchtigen incl. dem Konsum von berauschenden Getränken wie Wein, der auch damals schon rund um die Kaiserstadt in großen Mengen angebaut und gekeltert wurde. Es war nicht alles schlecht beim Römer. Aber Dekadenz und Postenschieberei gab es auch damals schon. Der römische Kaiser Caligula baute seinem Lieblingspferd Incitatus einen Stall aus Marmor und plante, dieses Pferd auf Lebenszeit zum Konsul und in den Senat zu berufen. Ohne da jetzt einen allzu hinkenden Vergleich konstruieren zu wollen, aber so dürfte der eine oder andere Trainer bei Hertha auch zu seinem Job gekommen sein. “We are here until shit”.

Berauschende Getränke können helfen, den Schmerz der Lage zu verkraften oder kreative Lösungsansätze zu finden, sie lösen aber selbst keine Probleme. Daher hilft es auch nichts, sich den dargebotenen Fußball schönzutrinken. Oder schönzureden, denn auch das ist am Ende nichts weiter als eine Art realitätsvernebelnder Rausch. Ein Klassenerhalt am Ende der Saison kann man niemals als Erfolg bewerten, dafür hat man viel zu viel Geld eingesetzt und muss vor allem einen viel zu großen Aderlass erdulden, während der Staff der Funktionäre entweder teuer abgefunden oder teuer weiterbeschäftigt werden muss. Die nächste Übergangssaison steht vor der Tür und da eigentlich jede Saison eine Übergangssaison ist, sollte man das nicht als Ausrede gelten lassen.

“Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß, manchmal weiß ich nicht mehr, was ich weiß”, heißt es im Lied von Karat und passt damit perfekt zum Zustand meiner Zuneigung zu unserem Lieblingsverein. Und meiner Heimatstadt mit den maroden Brücken. Dass Peter Maffay den Song mit Zustimmung von Karat im Westen coverte, hilft weder der Hertha noch den Brücken. Nur Geduld. Oder eben eine Katastrophe, deren Wendung zum schlechten ist. Wir sollten dieses Szenario fürchten, aber auf das Beste hoffen.

Das Länderspielwochenende bereitet uns Hin- und Rückspiel des “We call it a Klassiker” Spiels Deutschland Italien vice versa. Pasta gegen Spätzle, Pizza gegen Flammkuchen, Involtini gegen Roulade, Panna Cotta gegen Pudding. Und ohne einen einzigen Herthaner, denn Marton Dardai läuft für Ungarn gegen die Türkei auf, Ibrahim Maza für Algerien gegen Botsuana sowie Mosambik, Jon Dagur Thorsteinsson für Island gegen den Kosovo sowie Torwart Tjark Ernst für die U21 gegen die Slowakei und Spanien. Und alle Reisenden werden allein auf dem Weg zum Flughafen über mehr als die sieben besungenen Brücken gehen müssen. Mögen sie heil wiederkommen. Ansonsten kann ich ja auch noch ein Pferd ins Redaktionsteam aufnehmen 😉

HaHoHe, Euer Opa

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